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„Dann merkt man richtig, dass einer fehlt“

In der Senioreneinrichtung Waldeseck spielt die Gemeinschaft eine wichtige Rolle

Meine große Liebe“, sagt Gerda Heinrichs*, „das waren seine letzten Worte...“. Ein melancholisches Lächeln huscht über das Gesicht der 91-Jährigen, wenn sie von ihrem Mann erzählt. Vergangenes Jahr ist er gestorben, einige Wochen vorher hatten sie noch ihre diamantene Hochzeit zusammen gefeiert. „Und jetzt verkaufen wir unser Haus“, sagt sie, „die Kinder haben ja was eigenes“. Ursula Schröder (87) blickt vom Fotoalbum auf und nimmt Gerda Heinrichs Hand. „Hach, das ist bei uns auch so“, sagt sie und lächelt ihr wissend zu.

Die beiden Damen kennen sich noch nicht lange. Gerda Heinrichs wohnt erst seit ein paar Monaten in der Diakonie-Senioreneinrichtung. Aber sie verstehen sich gut. Sie hören einander zu, geben einander Kraft, lachen und plaudern. Der Gesprächsstoff scheint ihnen nicht auszugehen, wenn sie zusammen in der Sofaecke ihrer Wohngruppe im Waldeseck sitzen, in Isernhagen-Süd, einem noblem Stadtteil von Hannover. Ursula Schröder lebt schon länger in der Einrichtung, die „sich in Gemeinschaft zu Hause fühlen“ als Motto gegeben hat. 60 Frauen und Männer im Alter von 80 bis 102 Jahren leben dort in sechs Hausgemeinschaften. Jeder hat ein eigenes Zimmer mit Möbeln aus der eigenen Vergangenheit. Zum Essen, Reden, Singen und Gesellschaftsspiele spielen treffen sich alle im Zentrum einer jeden Wohngruppe, dem kombinierten Küchen- und Essbereich. Wer will und dazu noch in der Lage ist, hilft hier beim Kochen oder Tischdecken - oder nutzt einfach die Gelegenheit zum Gedankenaustausch: Im Waldeseck ist für viele das Miteinander das Wichtigste. Die notwendige Pflege läuft scheinbar fast nebenbei.

„Klar, wer neu ist, wird erst mal ein bisschen von den anderen beäugt“, sagt Mitarbeiterin Cordula Schmidt, die als Pflegefachkraft und Betreuerin in den Hausgemeinschaften arbeitet. Die 58-Jährige ist Ansprechpartnerin für Bewohner und Besucher, unterhält, motiviert, liest vor oder hört einfach nur zu. „Ich habe mich hier gleich pudelwohl gefühlt“, sagt Gerda Heinrichs, „meine Zimmernachbarin und ich kennen uns in und auswendig, so viel haben wir schon geredet“.

Nur wenige Meter entfernt, getrennt durch eine Schiebetür, hat derweil Hertha Schneider an einem kleinen Tischchen gleich neben der offenen Küche Platz genommen. Sie schnipselt Petersilie für das gemeinsame Mittagessen. „Das sind alles meine Freunde hier in der Gruppe, fast ein bisschen meine zweite Familie“, sagt die 93-Jährige. Sie legt die Petersilie zur Seite, nimmt ihren Rollator und geht damit zum großen Esstisch. Sie beginnt, Messer und Gabeln darauf zu verteilen. Jeder Bewohner hat am Tisch seinen festen Platz. „Wenn mal einer krank ist und im Bett bleibt, ist da gleich eine Lücke, dann merkt man richtig, dass einer fehlt“, sagt Hertha Schneider.

Manchmal fehlt auch jemand für immer. Wenn ein Bewohner gestorben ist, wird am Tisch eine Kerze angezündet, sagt Mitarbeiterin Marike Herzog. „Dann sprechen wir gemeinsam darüber.“ Und wenn es etwas zu feiern oder einen neuen Mitbewohner gibt - dann sprechen sie natürlich auch: „Hier wird getratscht und gelacht - wie im Leben draußen auch: der ganz normale Wahnsinn.“

Alfons Dietrich, der seit knapp zwei Jahren im Waldeseck lebt, spricht am liebsten mit den Mitarbeitern der Hausgemeinschaften. „Vor allem die sind meine zweite Familie“, sagt er. Mit ihnen teile er auch seine Sorgen und Nöte. Und die anderen Bewohner? Klar, mit denen rede er auch, sagt Dietrich. „Aber es will ja auch nicht jeder.“ Früher sei die Gemeinschaft einfach besser gewesen. Damals, als noch ein paar andere Mitbewohner da waren. Der 88-Jährige blickt zu den Stühlen auf der anderen Tischseite, dorthin, wo einst die anderen ihre Plätze hatten.

Wenn man so eng zusammen wohnt, sind gelegentliche Unstimmigkeiten nicht zu vermeiden. „Jeder steht mal mit dem falschen Bein auf“, sagt Alfons Dietrich, „dann wird drüber gesprochen, und dann ist es wieder gut“. Die Damenrunde in der Sofaecke hat da auch andere Erfahrungen gemacht. „Einer hat mich mal so fertig gemacht, der sucht immer Streit“, sagt Ursula Schröder, „mit dem will ich nichts mehr zu tun haben“. Seine Familie kann man sich nicht aussuchen, heißt es. Seine Mitbewohner offenbar auch nicht. Oder vielleicht doch? „Wenn sich zwei Menschen gar nicht verstehen, haben wir es auch schon mal so gemacht, dass einer die Wohngruppe gewechselt hat“, sagt Mitarbeiterin Cordula Schmidt. Doch das komme nur ganz, ganz selten vor. In der Regel kämen die Bewohner gut miteinander aus. Die meisten im Waldeseck haben das Glück, regelmäßig auch von ihren Kindern oder Enkelkindern besucht zu werden. Doch bis es wieder so weit ist, muss im Waldeseck niemand alleine sein. Irgendjemand ist immer da und hat ein offenes Ohr. Sei es eine Mitarbeiterin oder ein anderer Bewohner der Hausgemeinschaften. Das Leben im Waldeseck - dank der Wohngemeinschaften keine Reise in die Einsamkeit.

Text: Barbara Voigt

 

*alle Namen der Bewohner sind von der Redaktion geändert

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