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Die Community-Organizing-Gruppe setzt sich für die Belange geflüchteter Menschen ein. (Bild: Katja Heidmeier)
Die Community-Organizing-Gruppe setzt sich für die Belange geflüchteter Menschen ein. (Bild: Katja Heidmeier)

„Ich sehe es als Teil meiner Integration, für mich selbst zu sprechen“

Geflüchtete Menschen in Lüneburg setzen sich für ihre Belange ein

Younes Al Younes, Firas Nadman und Ahmed El Madfau haben ein Ziel: Sie wollen sprechen. Für sich, aber auch für andere Geflüchtete. Über die Probleme, vor denen sie und andere Geflüchtete stehen. Die zwei Syrer und der Palästinenser sind Teil des Community Organzing-Projekts in Lüneburg. Mit anderen Geflüchteten arbeiten sie seit Anfang des Jahres im gemeinschaftlichen Eigeninteresse daran, alltägliche und strukturelle Probleme zu erkennen, zu benennen und Lösungen dafür zu finden. Sie wollen aktiv für sich sprechen und nicht nur passiv andere für sie sprechen lassen. Diese „anderen“ sind politische Verantwortliche der Stadt Lüneburg.

In Lüneburg selbst gebe es ein vielfältiges Angebot an Hilfsorganisationen und Sprachkursen, das durch die Stadt, aber auch über viele Ehrenamtliche getragen werde, erzählt Nadman. Allerdings wurde dieses Angebot bislang nicht von den Geflüchteten selbst mitgestaltet, sodass die eigentlichen Bedürfnisse der Betroffenen nicht immer berücksichtigt oder sogar bekannt wären, ergänzt Al Younes. „Dadurch lösen sich die vielschichtigen Probleme kaum.“

Dies sah auch der Diakonieverband Nordostniedersachsen so, der das Community Organizing-Projekt im Oktober 2016 in Kooperation mit dem Herbergsverein Wohnen und Leben e.V. und dem Forum für Communtiy Organizing e.V. begann. Seitdem fanden mehrere Treffen statt, bei denen die individuellen Probleme der Betroffenen gesammelt und thematisch gebündelt wurden. Nach der bislang größten Versammlung im Februar dieses Jahres, an der insgesamt 116 Geflüchtete und Organisationsmitarbeitende teilnahmen, ergaben sich vier Arbeitsgruppen zu den Themen: Bürokratie, Wohnen, Arbeit und Sprache. Alle zwei Wochen trifft sich die Kerngruppe, die aus Vertretern aller vier Arbeitsgruppen besteht, um sich auszutauschen.

Die Grundidee dabei ist: Sie wollen in einem demokratischen System für sich selbst sprechen. Sich zu organisieren sei wichtig, aber auch neu für alle, erklärt Al Younes. Das Projekt als Rahmen dafür sei sehr hilfreich. Zusammen tauschen sie ihre Erfahrungen aus und helfen sich gegenseitig, wo es nur geht. „Als Team arbeitet es sich immer besser“, sagt Ahmed El Madfau.

Younes Al Younes, Firas Nadman und Ahmed El Madfau haben alle über Bekannte oder über andere Initiativen von dem Projekt erfahren. „Ich sehe es als Teil meiner Integration, für mich selbst über meine Probleme und meine Bedürfnissen zu sprechen“, sagt El Madfau. Durch ihr Engagement, könnten sie ihre Sprachkenntnisse, ihr Wissen über die deutsche Kultur und Politik sowie die hiesigen bürokratischen Strukturen erweitern. Das Projekt gebe ihnen Hilfe zur Selbsthilfe: „Es ist gut, dass es Menschen gibt, die uns dabei helfen, unsere Probleme zu lösen. Am besten ist es jedoch, wenn ich von ihnen das Wissen bekomme, mit dem ich dann selbst meine Probleme lösen kann.“ Sie sind aktiv, können unabhängiger werden und ihr Wissen mit anderen teilen. „Wir arbeiten hier mit Erwachsenen zusammen und nicht mit Kindern, die Vertreter brauchen. Sie sind die Experten für ihre eigene Situation.“, sagt Peter Cromwell, der das Projekt als Community-Organizer fachlich begleitet. „Wir achten stets darauf, dass wir nicht am Bedarf der Menschen vorbei arbeiten.“, ergänzt ihn die Projektkoordinatorin Katja Heidmeier. Community Organizing beginnt mit Zuhören und dabei spielt das gegenseitige Vertrauen eine große Rolle.

Die Probleme der geflüchteten Menschen sind vielfältig. Die größte Herausforderung sei stets, den Fokus von den individuellen Problemen auf strukturelle zu lenken und somit die vielen Stimmen, die gehört werden wollen, zu einer zu bündeln. Sie wissen, dass sie gemeinsam lauter sein können als jeder für sich alleine. Letztendlich will die Gruppe nicht nur für sich selbst sprechen, sondern dabei auch von politischen Verantwortlichen und Entscheidern gehört werden. Ihr Ziel sei es, über Eigeninitiative und Kommunikation ein aktiver Teil der Gesellschaft zu werden und nicht nur für sich alleine zu bleiben, sagt Firas Nadman.

Seit Juni dieses Jahres veranstalten sie Treffen mit politischen Vertreterinnen und Vertretern der Stadt und des Landkreises Lüneburg. Sie wollen die Zusammenarbeit zwischen Geflüchteten, Verwaltungsmitarbeitenden und Ehrenamtlichen verbessern, dort herstellen, wo es bislang noch nicht dazu gekommen ist und sich dabei soweit wie möglich gegenseitig entlasten. Gleichzeitig arbeiten sie an einem Netzwerk aus Hilfsorganisationen sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die sie bei ihren Überlegungen und Maßnahmen unterstützen. Mit den Methoden des Community Organizings möchten sie weiterhin die Probleme der Geflüchteten ansprechen und Lösungen finden sowie ihre Integration über gesellschaftliche Teilhabe vorantreiben. Als nächstes will sich die Community-Organizing-Gruppe einen Namen geben. Wenn sie ihre Belange mitteilen, soll schließlich klar sein, wer die Experten sind, die hinter diesem Expertenwissen stecken.

Text: Olga Legler

 

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