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„Ich will nicht mehr nur chillen. Ich will jetzt was machen.“

Das Projekt Wohnen und Arbeiten hilft jungen Langzeitarbeitslosen

Als er noch zuhause wohnte, hat er vor allem „gechillt“. Heute hat Philip (21, Namen geändert) Ziele: er beginnt in Kürze ein Praktikum als Maler, später will er eine Ausbildung zur Fachkraft für Lagerlogistik machen und in einer eigenen Wohnung leben. Lukas (24) geht es ähnlich. „Zuhause habe ich nur rumgehangen und hatte Stress mit meiner Mutter“, erzählt er. Jetzt will er seinen Realschulabschluss machen, danach im sozialen Bereich arbeiten - und versteht sich mit seiner Mutter wieder bestens. „Ich bin dankbar, dass ich hier dabei sein darf“, sagt er.

„Hier“, das ist das Projekt Wohnen und Arbeiten (WundA) der gemeinnützigen Gesellschaft Pro Beruf, einem Mitglied der Diakonie in Niedersachsen. Seit Februar 2015 richtet es sich an langzeitarbeitslose junge Menschen in Hannover, die keine Wohnung haben. Viele haben zuvor bei Freunden auf dem Sofa übernachtet, kommen aus belasteten Elternhäusern. „Die meisten kommen mit einem Päckchen von Problemen bei uns an: Sucht, psychische Erkrankungen, Schulden, Straffälligkeit“, sagt Leiterin Verena Altenhofen. Einige brauchen nicht nur Wohnung und Arbeit, sondern auch eine Therapie, die sie nebenbei besuchen können. Rund 300 junge Menschen sind seit der Projektgründung in die Beratung gekommen. Wer bleibt, bekommt auch Unterstützung beim Briefwechsel mit Behörden. „Das wichtigste ist ein vertrauensvoller Umgang mit den Mitarbeitern“, sagt Verena Altenhofen.

12 Männer und drei Frauen im Alter von 18 bis 25 Jahren wohnen zusammen in fünf Wohngemeinschaften. Ihr Alltag bekommt Struktur. Manchmal auch mithilfe von Sanktionen: Wer eine halbe Stunde zu spät zum gemeinsamen Frühstück kommt, darf nicht mehr mitessen. Kommt er öfter zu spät, muss er das nächste Mal schon eine Stunde vor den anderen da sein. Und wer sechsmal unentschuldigt fehlt, bei wem die Mahnungen keine Wirkung zeigen, darf bei dem Projekt nicht mehr mitmachen. Das komme vor, sagt Verena Altenhofen, aber es sei selten. Wer sich einbringe und mitmache, habe am Ende der zwölf Monate, die jeder Teilnehmer bleiben darf, gute Chancen auf einen Ausbildungsplatz: In den ersten zwei Jahren nahmen 58 junge Leute an dem Projekt teil, die arbeitslos waren. Als sie wieder gingen, waren nur noch 19 ohne Arbeit.

Lukas gehört zu denen, die sich fürs Mitmachen entschieden haben. Seit zehn Monaten ist er schon dabei. „Ich habe mich total verändert, seit ich hier bin“, sagt er. „Ich will nicht mehr nur chillen. Ich will jetzt was machen.“ Seine Mutter, bei der er zuvor gewohnt hatte, verlor ihre Wohnung und wandte sich an die Diakonie. Dort erfuhr sie von Pro Beruf. Auch bei Philipp war es die Mutter, die den Stein ins Rollen brachte. „Zuhause habe ich lange gar nichts gemacht. Sie wollte, dass sich das endlich ändert“, sagt er. Mit Erfolg. Drei Tage lang konnten sich die beiden jungen Männer ansehen, ob das Projekt zu ihnen passt. Und sie zum Projekt. „Wer drei Tage verschläft, darf nicht mitmachen“, sagt Philipp.

Ein Drittel von denen, die sich für das Projekt interessieren, steigen auch ein - und ziehen es in der Regel durch. Für die dreitägige Hospitation gibt es sogar Wartelisten, die über Monate belegt sind.

Im Flur hängt eine Liste. „Küche“ und „Handwerk“ steht da drauf. Darunter die Namen der Teilnehmer. Die Mitarbeiter entscheiden, welcher Name wo steht: Eine Woche lang muss dann jeder entweder einkaufen, kochen und bügeln oder Türen schleifen, aus Paletten Sofas bauen und die Projekt-WGs renovieren. 32 Stunden pro Woche. Darunter hängt noch eine Liste: „Wenn die Wohnung bei der Kontrolle ordentlich ist, gibt es ein fröhliches Smiley. Sonst neutrale oder traurige“, erklärt Philipp. Wer drei fröhliche Smileys in Folge sammeln konnte, darf sich zum Beispiel ein Poster aussuchen. Arbeiten mit Belohnungssystemen.

Für die Wohngemeinschaften gibt es klare Regeln: keine Drogen, keine Zigaretten, Freundinnen müssen das Haus bis 20 Uhr verlassen, Projektteilnehmer aus anderen WGs bis 22 Uhr. Ein- bis zweimal pro Woche gibt es unangekündigte Kontrollbesuche. „Wir haben eine WhatsApp-Gruppe, mit der wir einander vorwarnen“, sagt Lukas. „Wir verpfeifen einander auch nicht.“ So schwierig der Umgang mit einigen Teilnehmern auch sei - schließlich prallen unterschiedliche Charaktere aufeinander - in solchen Situationen zähle der Zusammenhalt. Leiterin Verena Altenhofen erklärt: „Wir sind bei den Kontrollen relativ streng, seit uns mal gedroht wurde, dass wir die Wohnung verlieren. Jede Nacht Party - sowas geht nun mal nicht.“ Schließlich sind die Wohnungen in ganz normalen Mietshäusern untergebracht. In Vahrenwald und in Garbsen. Nur die Notfall-WG für die ersten Nächte befindet sich direkt in der Projektzentrale in der hannoverschen Innenstadt.

Dort befindet sich auch der gemeinsame Essensraum, in dem alle pünktlich erscheinen müssen. Außerdem ein Aufenthaltsraum mit Kickertisch, Spinden und selbst gebauten Sofas, die Küche und Besprechungsräume. In denen können sich die Teilnehmer auch von einem Mitarbeiter des Jobcenters beraten lassen. Er kennt die jungen Erwachsenen. „So ist eine ganz andere Beratung möglich als von seinem Büro im Jobcenter aus“, sagt Verena Altenhofen.

Philipp und Lukas sind zuversichtlich. Wo sie sich in zwei Jahren sehen? „Auf jeden Fall in einer eigenen Wohnung. Und auf dem Weg zum Realschulabschluss“, sagt Lukas. „Denn ich weiß jetzt, dass ich einen Job haben will. Einen, der mir Spaß macht.“

Text: Barbara Voigt

Kontakt

Diakonisches Werk evangelischer Kirchen in Niedersachsen e.V.
Ebhardtstr. 3 A, 30159 Hannover
Telefon: +49 511 3604-0, Telefax: +49 511 3604-108
geschaeftsstelle(at)diakonie-nds.de

Öffnungszeiten: Mo.-Do.: 7 - 17 Uhr, Fr.: 7 -14 Uhr

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