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Foto: Karin Powser
Foto: Karin Powser

„Mit uns hat es sowieso keinen Zweck mehr, aber der junge Bengel hat ja vielleicht noch eine Chance!“

Ein Tag im Kontaktladen Mecki in Hannover

Hinterm Hauptbahnhof, am Ende des Raschplatzes befindet sich der Kontaktladen „Mecki“. Der Laden steht unter einer Brücke. Hier regnet es nie und das ist gut so. Seit 30 Jahren finden hier Menschen Unterstützung und Hilfe, die „ganz unten“ angekommen sind. Wir begleiten die Sozialarbeiter/innen und die Hilfesuchenden des Mecki einen Tag lang. 

08:05 Uhr

Frank (32) kommt herein. Er ist nicht gewaschen. Die Haare stehen ihm zu Berge. Er hat heute Nacht versucht, draußen zu schlafen. Eine Gruppe betrunkener junger Menschen hat „Späße“ mit ihm getrieben und Bier auf seinen Schlafsack geschüttet. Es kam zu Beschimpfungen. Keine Gewalt. „Gott sei Dank passieren solche Übergriffe nicht jeden Tag, aber es hätte auch noch schlimmer kommen können“, sagt die Sozialarbeiterin.

08:12 Uhr

Karl (28) sitzt mit anderen am Tisch. Er kam mit zehn Jahren ins Heim. Das Jugendamt hat ihn „fremdplaziert“, weil es in seiner Familie immer wieder zu Gewalt kam. Er sollte im Heim seine Schulausbildung beenden. Aber er fühlte sich dort nicht wohl und hatte oft Schwierigkeiten mit den anderen. Er riss aus und versuchte wieder nach Hause zu seiner Familie zu kommen. Aber man brachte ihn immer wieder zurück. Er ging vom Heim immer wieder fort, blieb aber in der Stadt, sammelte Flaschen und Zigarettenkippen. Eines Tages brachten ihn ältere Wohnungslose zum Kontaktladen und baten die Sozialarbeiter, etwas zu unternehmen. „Mit uns hat es sowieso keinen Zweck mehr, aber der junge Bengel hat ja vielleicht noch eine Chance“, sagen sie.

08:27 Uhr

Deac (54) kommt und holt sich zwei Tassen Tee und Butterbrote. Er kam vor Wochen aus Rumänien nach Hannover. Er hat einen behinderten Sohn (26), der im Rollstuhl sitzt. In seiner Heimat müssen behinderte Menschen betteln, um zu überleben. Wahrscheinlich hatte Deac gehofft, in Deutschland medizinische Hilfe für seinen Sohn zu finden. Er versucht nicht mit den Sozialarbeitern zu sprechen, denn er kann kein Deutsch. Seine Landsleute haben ihm bereits gesagt, dass sein Sohn in Deutschland keine Sozialleistungen beanspruchen kann. Er wird deshalb auch finanziell von seinen Landsleuten unterstützt. Genau wie in Rumänien.

08:42 Uhr

Karl (24) ist „vollsanktioniert“. Er hat mehrere Termine im Jobcenter verpasst und sich dort mit seinen „persönlichen Ansprechpartnern“ gestritten. Zuerst wurde ihm ein Teil der Leistungen gestrichen, zum Schluss auch die Miete. Weil er die Miete nicht mehr auftreiben konnte, hat sein Vermieter ihn vor die Tür gesetzt. Jetzt schläft er bei Bekannten. Aber dort kann er nicht mehr lange bleiben.

09:03 Uhr

Jerzej (48) kommt aus Polen. Er wurde von einem Arbeitsvermittler im VW Bus nach Deutschland gebracht, arbeitete drei Wochen, bekam aber dafür kein Geld. Irgendwann hatte er genug. Er wollte wieder zurück. Über Hannover. Ohne Geld. So kam er in den Kontaktladen. Er hatte keinen Arbeitsvertrag, sodass man den ausstehenden Lohn vom Arbeitgeber hätte einfordern können. Auch hat er keinen Ausweis, denn den behielt der Arbeitgeber ein. Um zum polnischen Konsulat nach Hamburg zu kommen, braucht er 120 Euro. Er ist froh, dass er vom Kontaktladenladen nach Hause telefonieren kann.

09:17 Uhr

Frederick (32) kommt aus dem Gefängnis. Er saß dort wegen einer Reihe von Delikten, die der Kleinkriminalität zugerechnet werden: wiederholtes Schwarzfahren, Mundraub, öffentliches Ärgernis. Die Richter meinten damals, so ginge es nicht weiter, er bräuchte jetzt die „rote Karte“. Wenn man aus dem Gefängnis kommt, dann findet man keine Wohnung, egal weshalb und wie lange man dort war. Der Vermieter will nämlich wissen, wo er vorher war, und Frederick kann nicht lügen.

09:44 Uhr

Konstantin (40) hat psychische Probleme. Er leidet unter einer Art Verfolgungswahn. Er ist sehr misstrauisch und denkt oft, dass jeder Schlechtes für ihn wolle. Von Psychologen und Psychiatern hält er nichts. Er bekommt leicht Streit mit den anderen. Die Sozialarbeiterin kann ihn beruhigen.

10:20  Uhr

Franz (59) kommt seit Jahren in den Kontaktladen. Er war Alkoholiker, wurde krank und kam in einer stationären Einrichtung unter. Dort erholte er sich gut und konnte sich nach einer Zeit ein Zimmer nehmen. Die Einsamkeit führt zu Rückfällen. Der Kontaktladen konnte immer wieder helfen. Jetzt ist er wieder trocken, aber die Ärzte haben eine unheilbare Krankheit diagnostiziert.

… und so geht es weiter. Später am Tag gehen die Sozialarbeiter auf die Straße und schauen nach, ob sie noch weitere Menschen finden, die in Hannover gestrandet sind.

Text: Dr.Peter Szynka

Kontakt

Diakonisches Werk evangelischer Kirchen in Niedersachsen e.V.
Ebhardtstr. 3 A, 30159 Hannover
Telefon: +49 511 3604-0, Telefax: +49 511 3604-108
geschaeftsstelle(at)diakonie-nds.de

Öffnungszeiten: Mo.-Do.: 7 - 17 Uhr, Fr.: 7 -14 Uhr

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