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Die Kita mitten im Dorf

Ein Besuch bei der integrativen Kindertagesstätte Dörpel

„Die Routenführung endet hier“. Mein Navi gibt mir unmissverständlich zu verstehen, dass ich auf dem Land bin. Die ev.-luth. integrative Kindertagesstätte Dörpel muss hier also irgendwo sein, aber zurzeit sehe ich nur Felder und Wiesen, und in der Ferne eine der vielen Schweinezuchtanlagen. Aber dann finde ich das Dorf und in der Mitte, neben dem Feuerlöschteich, den Kindergarten. Zwei Gruppen im ehemaligen Feuerwehrhaus. Hohe Bäume, viel Platz, ein gewachsenes Dorf wie aus dem Bilderbuch. Es gibt hier weder einen Laden noch eine Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr, die Kirche ist in Barnstorf. Der zentrale Punkt im Dorf ist der Kindergarten. Hier laufen alle Informationen zusammen. Und wenn Hilfe gebraucht wird, kommt der Nachbar mit dem Radlader und transportiert das neue Spielgerät an die richtige Stelle im Garten.

„Hier wird alles mit dem Auto gemacht. Wir haben 10km Einzugsgebiet, und auch zum nächsten Laden ist es so weit.“ Elke Bufe leitet diesen Kindergarten seit vielen Jahren. Sie kommt von hier und hat mit den Mitarbeiterinnen eine bemerkenswerte Einrichtung aufgebaut: „Wir sind eine kleine Kita, man kennt sich in der Regel schon lange. Viele Eltern kenne ich noch als Kinder. Das schafft eine tiefe Verbundenheit. Vertrauen wächst hier vermutlich schneller als in der Stadt, und wir arbeiten nicht nur mit den Eltern zusammen, sondern mit dem gesamten familiären Umfeld. Die großen Höfe gibt es nicht mehr, aber fast alle Familien haben Großeltern in der Nähe, die einspringen, wenn die Kinder betreut werden müssen. Städte brauchen andere soziale Netze, ein Babysitter-Ring ist bei uns nicht nötig.“

Ist das nun eine romantische Bullerbü-Idylle? Welches Bild von der Welt haben Kinder, die hier aufwachsen? Im Gespräch mit Elke Bufe wird schnell deutlich, wie wichtig es ihr ist, ganz dicht an den Bedürfnissen der Kinder zu sein. Was brauchen Kinder, um zu kompetenten und eigenverantwortlichen Persönlichkeiten heranzuwachsen? Da werden keine Klischees bedient, und es wird nicht von besseren Zeiten geträumt. Die Natur ist nahe. Kinder gehen draußen barfuß - ohne Angst vor Zecken. Aber auch Mozarts Zauberflöte wird zusammen mit der Kantorin der Kirchengemeinde erarbeitet und aufgeführt.

Was ist denn nun der Unterschied zwischen einem Dorfkindergarten in Dörpel und einer Kita in der Stadt? Für Elke Bufe hängt der Unterschied gar nicht so sehr von der Größe des Ortes ab, sondern liegt viel mehr an der Konzeption und der Haltung der Menschen, die dort arbeiten: „Wir müssen uns nach außen orientieren, Fortbildungen besuchen, Fachberatung in Anspruch nehmen und nach innen die Situation der Kinder und der Familien beachten. Daraus ergibt sich unsere pädagogische Arbeit, und die entwickelt sich immer weiter“.

Integration ist seit Jahren eingespielt. Kinder mit erhöhtem Förderbedarf oder Beeinträchtigungen gehören einfach dazu. Die Zusammenarbeit mit der Grundschule, 6km entfernt, ist fester Bestandteil des Alltags. „Wir gehen gemeinsam weiter, oder wir sterben gemeinsam“, sagt Elke Bufe. Der kleine Kindergarten und die einzügige Grundschule brauchen einander, und viele Eltern schätzen gerade das. Die Kita in der Turnhalle, gemeinsam mit dem Bus zum Schwimmen, Projekte, Besuche - klare Abläufe, sichere Beziehungen.

Und dann gibt es noch eine Besonderheit dieser Kita, die ich dort nicht erwartet hätte: Die spielzeugfreie Zeit. Alle zwei Jahre in der Fastenzeit verschwindet für drei Monate sämtliches Spielmaterial, und auch Werkzeuge wie Scheren, Stifte, Klebstoff, Papier. Die Kinder sind herausgefordert, den Tag mit eigenen Ideen zu füllen. „Suchtprävention beginnt im Kindergarten. Wir müssen dem Überfluss begegnen und den Kindern Gelegenheit und Zeit geben, sich selbst zu organisieren. Soziale Kontakte, Sprachbildung, Handlungskompetenzen, das entwickeln die Kinder, wenn wir sie lassen und uns als Erwachsene zurücknehmen. In einem Jahr bauten die Kinder eine Stadt aus Holzresten, die sie selbst beim Tischler nebenan besorgten. In einem anderen Jahr gab es eine Fotosafari und ein selbst gemachtes Puzzle. Wir müssen nichts, wir haben Zeit.“ Hier schlägt das Herz der Kita-Leiterin. „Ja, manches ist hier sicher leichter als in der Stadt, aber die Grundbedürfnisse der Kinder sind gleich: Zeit, Raum und manchmal Unterstützung.“ Ein Qualitätsmanagementsystem haben sie auch und wollen noch in diesem Jahr das Evangelische Gütesiegel bekommen. Ohne Planung, eine gute Zusammenarbeit im Team und eine verantwortungsbewusste Leitung ist diese Kita nicht denkbar.

„Die Routenführung endet hier“ - mein Navi hat Recht. Ab hier muss ich selbst denken, fertige Pauschalmeinungen gelten nicht. Ich fahre in die Stadt zurück und bin mir nicht mehr sicher, wo nun eigentlich die Provinz ist.

Text: Erika Brahms, Bereichsleiterin Fachberatung Kindertagesstätten 

Kontakt

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