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Gabriele Lämmerhirt-Seibert und ihr Mann Detlef Seibert. (Bild: Barbara Voigt)
Gabriele Lämmerhirt-Seibert und ihr Mann Detlef Seibert. (Bild: Barbara Voigt)

Fast unter Freunden

Das Ehepaar Seibert aus Langenhagen arbeitet ehrenamtlich für das Schwarze Kreuz

„Mörder sind unkompliziert. Das sind eigentlich ganz normale Menschen, die einmal einen schweren Fehler gemacht haben“, sagt Detlef Seibert. Seine Frau Gabriele Lämmerhirt-Seibert nickt. „Betrüger sind manchmal schwierig: da muss man auch mal hinterfragen, was wahr ist und was nicht“, sagt sie. Die beiden Langenhagener arbeiten ehrenamtlich für das Schwarze Kreuz, das Inhaftierten, Haftentlassenen und ihren Angehörigen hilft - während und nach der Haft.

Seit fünf Jahren sind die beiden dabei. „Natürlich hatten wir Bedenken“, sagt die hauptberufliche Altenheimseelsorgerin, „was ist, wenn einer plötzlich vor unserer Tür steht, sobald er entlassen ist?“. Doch davon ließen sie sich nicht abschrecken. „Es war eine Form der Neugierde, übers Ehrenamt neue Bereiche kennenzulernen“, sagt Detlef Seibert. Und so übernahm er in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Sehnde den Schachclub, beide besuchen dort Gefangene und schreiben Briefe an Häftlinge in Brandenburg. Ihre Adresse ist immer auf dem Umschlag. „Wenn einer unbedingt will, findet er die sowieso heraus“, sagt Lämmerhirt-Seibert. Und die meisten, sagt sie, wollen nach ihrer Entlassung auch mit niemandem mehr Kontakt, den sie aus ihrer „Knastzeit“ kennen. Zufällig hätten sie mal einen früheren Häftling in der Sauna wiedergetroffen. „Es war offensichtlich, dass seine Bekannte nichts von seiner Haftzeit wusste und er auf keinen Fall mit uns darüber reden wollte“, erinnert sich Detlef Seibert an die Begegnung. „Also haben auch wir so getan, als kannten wir ihn nicht.“

Anfangs, wenn die Türen im Gefängnis ins Schloss fielen und sie mit dem Gefangenen allein in einem Raum waren, hatte Gabriele Lämmerhirt-Seibert vor allem eine Sorge: „Was, wenn es plötzlich brennt? Die Türen sind ja alle zu!“ Doch gebrannt hat es bislang nie - und Angst vor den Gefangenen brauchte sie auch nie zu haben, sagt die 60-Jährige: „Eine Frau ist nie allein mit einem Häftling - und wir haben immer einen Notrufgerät dabei.“ Auf dem Tisch steht für alle Fälle noch ein Telefon. Sobald man den Hörer hebt, ist ein Wachmann in der Leitung. „Wer in einer aggressiven Phase ist, dem wird der Kontakt mit Ehrenamtlichen verwehrt; da werden wir geschützt.“

Die Tür fällt ins Schloss, ein für sie neuer Häftling sitzt ihr gegenüber. Was sagt man da? „Natürlich frage ich auch, warum er hier ist, was er getan hat“, sagt Gabriele Lämmerhirt-Seibert. „Nicht gleich in der ersten Minute des Gesprächs - aber vielleicht in der 20.“ Und dann müsse sie ausprobieren, wie viel sie erträgt. „Jedes Detail einer Vergewaltigung würde ich nicht hören wollen, dann müsste ich das Gespräch abbrechen.“ Dazu kam es noch nie. Doch was sie hören, beschäftigt sie auch zuhause noch. „Aber das ist in Ordnung“, sagt Detlef Seibert, „wir kennen oft die gleichen Gefangenen und sind quasi unsere eigene Supervisionsgruppe“.

Seine besten Gespräche ergeben sich oft am Rande einer Schachpartie, sagt der 61-Jährige. „Dann will einer rauchen, ich gehe mit - und wir reden über das, was ihn beschäftigt. Die Post, die er bekam. Seine Kindheit. Die Schuld, die er auf sich geladen hat.“ Die Gefangenen seien dankbar für diese Gespräche. „Mit wem sollen sie sonst reden?“ Die Beamten symbolisierten immer die „Feindesseite“, das Verhältnis zu Verwandten sei oft belastet. „Wenn sie mit uns reden, können sie ganz normale Menschen sein und sind froh, sich nicht rechtfertigen zu müssen.“

Im Gespräch zeigten einige Gefangene auch eine andere, eine sanfte Seite, sagt Gabriele Lämmerhirt-Seibert: So hatten sie einst zur Weihnachtsfeier in der Schachgruppe bunte Servietten mitgebracht. „Die Gefangenen fragten, ob sie die mitnehmen dürften in ihre Zellen - sie wollten etwas Schönes bei sich haben.“ Aus diesem Grund wähle sie immer farbiges Briefpapier, wenn sie Gefangenen schreibe, und klebe kleine Bildchen darauf. Mit Vögeln oder anderen Tieren. „Ich dachte erst, die Männer finden das kitschig, aber es bringt ein bisschen Farbe in ihren grauen Alltag.“

Einmal schrieb ihnen ein Häftling, ob er sie anrufen dürfe. Das Ehepaar hatte nichts dagegen. Und so klingelte eines Tages das Telefon. Der Mann erzählte, wie es ihm geht, berichtete von seiner Therapie, „und davon, wie dankbar er ist, dass er uns sein Herz ausschütten kann“. Nach insgesamt 39 Jahren im Gefängnis habe er sonst kaum noch Kontakte zur Außenwelt. Und was erzählen die Ehrenamtlichen in so einem Gespräch? „Wir sagen, was wir so machen. Es ist eine Plauderei wie mit Freunden“, sagt Detlef Seibert. Er stockt kurz, als er das Wort „Freunde“ benutzt und überlegt. Doch seine Frau nickt. „Das passt schon. Das Verhältnis ist von Freundschaft nicht sehr weit entfernt.“ Und so erscheint im Display des Telefons inzwischen öfter mal die Nummer der Justizvollzugsanstalt in Brandenburg.

„Wenn wir nur einen Menschen im Gefängnis davon abhalten können, wieder straffällig zu werden, dann haben wir etwas erreicht“, sagt Detlef Seibert. Seine Frau sagt: „Das schafft man nicht mit jedem. Wir sind keine Heilsbringer. Aber wir können zuhören. Damit helfen wir dem Gefangenen, und wenn es klappt, ihn von weiteren Straftaten abzuhalten, hilft es sogar der Gesellschaft.“  

Text: Barbara Voigt

 

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