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Viele Frauen entscheiden sich erst für eine Kur, wenn sie am Ende ihrer Kräfte sind.
Viele Frauen entscheiden sich erst für eine Kur, wenn sie am Ende ihrer Kräfte sind.

Hilfe, wenn nichts mehr geht

Ein Besuch bei der Kurenberatung im Haus der Diakonie in Peine

„Wann haben Sie zum letzten Mal etwas mit einer Freundin unternommen?“ Diese Frage stellt Sabine Stützer den Müttern gern, die zu ihr in die Kurenberatung kommen. Marlies Schneider (Name geändert) ist 52 Jahre alt und fünffache Mutter. Sie kennt das Problem nur zu gut. „Welche Freundin?“, nennt sie die typische Antwort und ergänzt: „Hobbys? Meine Familie ist mein Hobby.“ Frauen, sagt Sabine Stützer, seien meist sehr harmoniebedürftig. „Sie haben ein schlechtes Gewissen, wenn sie mal etwas für sich tun.“ Irgendwann komme dann bei vielen der Zusammenbruch. „Ob und wann, das ist unabhängig davon, wie alt jemand ist und wie viele Kinder die Frau hat. Die Belastungsgrenze liegt bei jedem woanders.“ Viele kommen erst zur Kurenberatung, wenn sie kurz vor diesem Zusammenbruch stehen. Oder ihn gerade erleben.

Die Zahl der Frauen, die sich im Haus der Diakonie in Peine zum Thema Mutter-Kind-Kur beraten lässt, hat sich in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdoppelt: Waren es damals höchstens 70 Anfragen im Jahr, sind es heute mehr als 140. Das liege nicht nur daran, dass die Angebote der Beratungsstelle bekannter geworden sind. „Die Lage vieler Familien hat sich verschlechtert“, sagt Sabine Stützer. So gebe es immer mehr Alleinerziehende, viele Mütter stiegen schon früh wieder in den Beruf ein, hätten befristete Arbeitsverträge, mehrere Mini-Jobs, Schichtarbeit.

Gemeinsam mit ihrer Kollegin Karin Aumann hilft sie den Frauen, die Kur zu beantragen, die richtige Klinik auszusuchen, ist vor, während und nach der Kur für sie da. Sie besprechen alle Fragen, die die Mütter haben - und hören ihnen manchmal auch einfach nur zu. „Viele sind erleichtert, einfach mal alles loszuwerden“, sagt Sabine Stützer. Die Frauen erzählen von ihren Problemen in der Partnerschaft, finanziellen Sorgen, Pflegefällen in der Familie, Schlafstörungen, Angstzuständen.

„Ich war frisch getrennt, meine Kinder waren zwei und fünf Jahre alt. Ich habe bei meinen Schwiegereltern gewohnt, die mich ständig kontrollierten. Die Kur war für mich eine Pause im Kampf mit ihnen und meinem Ex-Mann“, erzählt Marion Heine (34, Name geändert). Ihre Kinder hat sie mitgenommen zur Kur. Wie die meisten Frauen. Einige von ihnen, sagt Stützer, glauben, keinen Tag ohne ihre Kinder auszuhalten. Und eine Kur dauere immerhin drei Wochen. Die meisten aber wissen nicht, wer die Kinder sonst in der Zeit betreuen soll. „Manche Väter sind beruflich nicht in der Lage dazu - viele drücken sich aber auch ganz einfach“, sagt Stützer. Einmal aber habe ein Vater sogar Wert darauf gelegt, dass der ältere Sohn bei ihm zuhause bleibt. Aus fragwürdigem Grund: „Er wollte sicher gehen, dass seine Frau auch zu ihm zurückkommt“, erinnert sie sich. Andere Männer verlangten von ihren Frauen, dass sie für die drei Wochen, in denen sie nicht zuhause sind, das Essen vorkochen. „In vielen Haushalten läuft es noch ganz anders als man sich das wünscht“, stellt Sabine Stützer fest.

Marlies Schneider hat ihren fünfjährigen Pflegesohn zur Kur mitgenommen. Ihre vier älteren Kinder waren längst erwachsen. „Und trotzdem hatte ich am zweiten Tag einen echten Tiefpunkt. Ich habe die Großen so vermisst, dass ich meinen Sohn morgens um fünf Uhr angerufen habe“, erzählt sie. Zum Glück reagierte er genau richtig: „Du sollst Deine Kur machen und nicht ständig an uns denken“, habe er ihr auf den Weg gegeben. „Das hat geholfen. Ab da war ich auch gedanklich weg von zuhause.“ Sie hat viel geredet während der Kur. Auch mit anderen Müttern. „Man muss sich schon auf die Gruppe einlassen und Lust auf Gruppendynamik haben.“

Sabine Stützer und Karin Aumann sind für den gesamten Kirchenkreis Peine zuständig, für 40 Kirchen- und Kapellengemeinden. „Manchmal müssen die Frauen vier bis sechs Wochen auf ein Erstgespräch warten“, sagt Karin Aumann. Die meisten kommen zu Jahresbeginn. „Da treten die meisten Krankheiten auf, das stresst.“ Außerdem haben viele die Idee, in den Sommerferien zu fahren. Am liebsten an die See oder in die Berge. Doch schnell machen die Mitarbeiterinnen der Beratungsstelle klar: eine Kur ist kein Urlaub, der Ort nicht das entscheidende. Es gehe auch nicht darum, endlich mal möglichst viel Zeit mit den Kindern zu verbringen. Im Gegenteil. Viel besser sei es, die Kinder den ganzen Tag in die Betreuung zu geben und sich wirklich mal um sich selbst zu kümmern. Marlies Schneider nickt. „Dass es der Familie besser geht, wenn es mir besser geht, musste ich auch erstmal begreifen“, sagt sie.

Die meisten Heime bieten Schulbetreuung an, die Kinder bringen ihre eigenen Unterlagen mit, zum Teil schreiben sie sogar Klassenarbeiten während der Kur. „Kurplätze nur für Frauen sind so ausgebucht, da braucht man kaum dran zu denken“, erklärt Sabine Stützer, „mit Kind kommt man schneller weg“. Zumindest mit einem gesunden. „Für Kinder mit Behinderungen gibt es nur ganz wenige Plätze, und die Krankenkassen wollen meist die erhöhten Tagessätze nicht zahlen“, nennt sie die Schwierigkeiten. Auch für Väter gebe es nur wenige Plätze. Im Schnitt vergingen vier bis sechs Monate bis zum Kurbeginn. „Es hat noch niemand abgesagt, weil es ihm schon wieder gut ging“, sagt Aumann, „die meisten kommen eben erst, wenn es fünf vor 12 ist“.

Theoretisch dürfen die Väter ihre Familien am Wochenende besuchen. Doch raten Aumann und Stützer davon ab: „Wenn er wieder abreist, erleben die Kinder schon wieder eine Trennungssituation. Und wer muss die am Ende ausbaden? Die Mutter“, stellt Stützer fest. Zudem rufe der Besuch oft Neid bei den Familien hervor, bei denen der Vater nicht zu Besuch komme. Viele Frauen seien zudem frisch getrennt oder hätten Gewalt erlebt. „Da ist es einfach nicht gut, wenn Männer ins Haus kommen.“ Zu den Gemeinschaftsräumen hätten sie aus diesem Grund auch keinen Zutritt.

Marlies Schneider hat der Kuraufenthalt auch für ihren Alltag zuhause geholfen: „Die Strukturen, die ich bekommen habe, habe ich mitgenommen“, sagt sie, „auch die gesunde Ernährung und das Schwimmen“. Und: „Ich achte jetzt mehr darauf, dass mein Akku nicht wieder komplett leer ist.“

Text: Barbara Voigt

 

Weitere Informationen zur Kurenberatung im Haus der Diakonie in Peine finden Sie hier.

Kontakt

Diakonisches Werk evangelischer Kirchen in Niedersachsen e.V.
Ebhardtstr. 3 A, 30159 Hannover
Telefon: +49 511 3604-0, Telefax: +49 511 3604-108
geschaeftsstelle(at)diakonie-nds.de

Öffnungszeiten: Mo.-Do.: 7 - 17 Uhr, Fr.: 7 -14 Uhr

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