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Neuerkerode kennt keine Grenzen

Die Evangelische Stiftung Neuerkerode unterstützt und fördert Menschen mit und ohne Behinderung bei der Teilhabe im Alltag.

Zwischen Braunschweig und dem Höhenzug Elm liegt das inklusive Dorf Neuerkerode. Vor mehr als 140 Jahren wurde hier die Evangelische Stiftung Neuerkerode gegründet, die mittlerweile als Unternehmensgruppe und Dienstleister sozialer, therapeutischer, pädagogischer, medizinischer und pflegerischer Leistungen ein flächendeckendes Versorgungsnetzwerk in der Region bedient. „Mit diesem Netzwerk wollen wir Menschen stark machen, ihr Leben zu meistern, gesund zu werden, sich betreuen zu lassen und vielleicht trotz der einen oder anderen Einschränkung, trotz der Endlichkeit des Lebens, das Glück nicht aus den Augen zu verlieren“, betont Vorstandsvorsitzender Rüdiger Becker. Damit eng verbunden ist das Neuerkeröder Grundprinzip, Menschen mit und ohne Behinderung die Teilhabe am gesellschaftlichen und kulturellen Leben zu ermöglichen.

Für die über 700 geistig bis schwerstmehrfach behinderten Bürgerinnen und Bürger in Neuerkerode und den vielen Außenstellen bedeutet dies, einen weitgehend selbstbestimmten Alltag leben zu können. Sie arbeiten entweder direkt im Dorf, im Nachbarort Sickte oder an den Standorten der Unternehmensgruppen in der Region, zum Beispiel in der Grünpflege, in der Gastronomie oder im Handwerk. Dabei werden ihre Fähigkeiten und Fertigkeiten nicht nur gefördert, sondern sie selbst als Mensch täglich gefordert - nicht nur am Arbeitsplatz: So engagieren sie sich in ihrer Freizeit in der Bürgervertretung, treiben Sport beim SC Neuerkerode, spielen Theater oder machen Musik.

Roland Lenz´ Hobby ist die Tierzucht. Nach seinem Feierabend in der Tagesförderung kümmert er sich um seine Schafe, Ziegen und Schweine. „Ich bin in der Landwirtschaft groß geworden“, erklärt Lenz und fügt an: „Ein Traum war es für mich, Landwirt zu werden. Und hier kann ich diesen Traum ausleben.“ Er baut Stallungen, organisiert Futter, kümmert sich um die Schur und das Ausmisten und - auch das gehört dazu - bringt die Schweine im Spätherbst zum Schlachter. Wie jeder andere Landwirt ist auch Lenz darauf angewiesen die gewonnenen Erzeugnisse wie Wurst und Wolle zu verkaufen. Die eine oder andere Wurst landet dann in Rainer Wannings Kiosk. Wanning ist das Multitalent im Dorf. Vormittags steht er an seinem Arbeitsplatz für Menschen mit Behinderungen, der Mensa einer regionalen Schule, und bereitet in dem inklusiven Projekt „Le Schumi“ (Leckeres Schulmittagessen) mit weiteren Bürgern, Fachpersonal und Küchenchef Tim Zabel Mahlzeiten für mehr als 800 Kinder vor, nachmittags und abends leitet er seinen Kiosk, der Treffpunkt für viele Neuerkeröder ist. „Ich will einfach etwas für mich und andere tun. Außerdem habe ich Spaß am Kontakt mit anderen Menschen“, sagt Wanning. Der Kiosk trägt zum Erhalt der Dorfstruktur bei und ist integrativer Bestandteil Neuerkerodes. Hier treffen sich alle Bewohner des Dorfes. Mitarbeitende, Kinder, Senioren - Menschen mit und ohne Handicaps. Bei einem Getränk oder frisch gegrillten Bratwurst kommen sie miteinander in Kontakt.

Die Evangelische Stiftung Neuerkerode ermöglicht Menschen eine nachhaltige Teilhabe am Berufsleben. Jugendliche mit und ohne Behinderung erhalten durch Projekte oder Praktika soziale und berufliche Kompetenz, um den ersten Schritt in den Arbeitsmarkt zu meistern. In der Jugendberufshilfe werden benachteiligte Jugendliche und junge Erwachsene gezielt geschult.

Viele Menschen, viele Ideen. Das ist der Leitsatz der Evangelischen Stiftung Neuerkerode. Darauf aufbauend entstehen auch generationenübergreifende Projekte zwischen Alt und Jung, die den Dialog fördern und das Verständnis füreinander schaffen sollen. Ins Gespräch kommen, Barrieren einreißen und über Grenzen hinausgehen - dafür setzt sich die Neuerkeröder Band „The Mix“ ein. Die zwölfköpfige Gruppe, bestehend aus Menschen mit und ohne Behinderung, ist mit ihren Auftritten ein Botschafter für Inklusion und setzt ein Zeichen für Akzeptanz. Zudem sammeln die Bandmitglieder bei ihren Tourneen durch Europa, Afrika und Nordamerika viele wertvolle Eindrücke und gehen so selbst oft über ihre persönlichen Grenzen hinaus. „Jeder Auftritt ist für uns eine neue Herausforderung“, sagt Bandmitglied Sian Camp. Bandleader und Gründer Peter Savic findet: „Wir wollen Mut und Hoffnung machen, dass Leben gelingen kann.“

Fest vor Ort agiert die Bürgervertretung in Neuerkerode. Seit 1980 bringen sich Bürgerinnen und Bürger aktiv ein und erleben eine ganz besondere Form der Teilhabe, der Verantwortung und der Anerkennung. Die Bürgervertretung arbeitet als Sprachrohr der Bürgerinnen und Bürger in den Gremien der Stiftung mit und wird in alle Entscheidungen einbezogen - zuletzt bei der Gestaltung des Dorfplatzes. Zusammen mit dem Künstler Magnus Kleine-Tebbe sprechen sie intensiv über Platzierung und Ausrichtung der geplanten Gedenkskulptur zur Erinnerung an die Opfer des NS-Terrors. Die Skulptur stellt das Schicksal der Brüder Heinemann dar, die im Juni 1943 aus Neuerkerode zwangsweise verlegt wurden. Als Motiv wählte Kleine-Tebbe die Mutter mit ihren Kindern, wobei ein leerer Sockel für die Deportation der Kinder steht. „Ursprünglich wollte ich den leeren Sockel, der eben symbolisiert, dass eines der Kinder weggeholt wurde, hinter die Gruppe stellen. Aber die Bürgervertretung hat mich überzeugt, dass dieser Sockel genau vor die Gruppe gehört“, berichtet Kleine-Tebbe, der durch die Zusammenarbeit mit den Bürgern eine grenzenlose Fülle an wertvollen Eindrücken und Erfahrungen mitnimmt.

 

Text: Thomas Pöllmann

Kontakt

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Ebhardtstr. 3 A, 30159 Hannover
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